Mein Körper gehört mir!

Ein theaterpädagogisches Programm des Österreichischen Zentrums für Kriminalprävention an Österreichs Volksschulen

Dieses Programm ist ein interaktives, theaterpädagogisches, mehrteiliges Stück, mit welchem dem sexuellen Missbrauch an Kindern präventiv entgegengetreten wird. Ziel ist es, die Kinder in ihrem Wissen zu stärken, dass ihr Körper ihr persönliches Eigentum ist. Er gehört ihnen und nur sie wissen, wie ihr Körper fühlt.

Der Hintergrund

Sich selbst vertrauen

„Mein Zimmer, mein Auto, meine Mama!“ Schon die Kleinen wissen, was ihnen gehört. „Mein Mund, meine Beine, mein Po?“ Dass sie Besitzansprüche auf ihren Körper haben, wird Kindern nur sehr selten beigebracht. Sie wachsen mit körperlicher Nähe auf – und die tut eigentlich immer gut. Aber manche Erwachsene missbrauchen das Vertrauen der Kinder.

Und gerade im nahen sozialen Umfeld verschwimmen die Grenzen zwischen Zärtlichkeit und Missbrauch sehr langsam. „Ja, ich mag meinen Onkel. Nein, ich mag nicht, wie er mich gerade berührt!“

Viele Kinder verstummen, wenn sich ihre Ja- und Nein-Gefühle widersprechen. Mit „Mein Körper gehört mir!“ werden Kinder ermutigt, ihren Nein-Gefühlen uneingeschränkt zu vertrauen, anderen von ihnen zu erzählen und sich Hilfe zu holen.

Mein Körper gehört mir!

Warum?

Wissen macht stark!

Kinder, die wissen, wie sie sich in unsicheren Situationen verhalten können, gehen gestärkt durchs Leben.

Mit „Mein Körper gehört mir!“ werden deshalb ganz praktische Strategien vermittelt. Was kannst du tun, wenn jemand deine körperlichen Grenzen überschreitet? Wie wehrt man sich gegen sexuelle Gewalt? „Wenn du ein Nein-Gefühl hast, geh´ zu jemandem und erzähl ihm davon!“ So lauten die wichtigsten Botschaften.

Deshalb nehmen die Kinder am Ende nicht nur positive Gefühle und Geschichten mit nach Hause, sondern auch viele Informationen und Strategien, die ihnen weiter helfen können.

Spannende Dialoge – mit dem Publikum

Das Programm beginnt nicht mit „Vorhang auf!“. Bevor die Kinder das theaterpädagogische Team (immer Frau und Mann) in verschiedenen Rollen erleben, lernen sie die Schauspieler erstmal als reale Personen kennen. Denn „Mein Körper gehört mir!“ ist keine Show, sondern eine lebhafte Unterhaltung mit den Kindern. Da ist es selbstverständlich, dass eine klare und kindgerechte Sprache gesprochen wird. Und singen! Am Anfang jeder Begegnung sorgt das Körperlied „Mein Körper springt lustig umher“ für gute Laune. Das macht uns stark für ernste Themen.

Mein Körper gehört mir!

Fakten!

Der Zwang, das schreckliche Geheimnis zu wahren, belastet betroffene Kinder im höchsten Maß! TäterInnen sagen beispielsweise: „Deine Eltern werden dir nicht glauben. Sie kennen mich und sie werden sagen, dass du schlecht und verlogen bist.”

„Wenn du was sagst, komme ich ins Gefängnis. Die Mama und deine Geschwister werden dann böse auf dich sein.”

„Die Mama wird sehr traurig sein, wenn sie das erfährt. Sie wird weinen, vielleicht wird sie auch krank und stirbt.”

Diese Vorstellung ist unerträglich für ein Kind und so suchen Mädchen und Buben oft die Schuld bei sich selbst oder glauben gezwungenermaßen den Ausreden der TäterInnen.

Für viele betroffene Mädchen und Buben beginnt der sexuelle Missbrauch im Familienverband besonders früh. Manchmal trifft es schon Säuglinge und Kleinkinder.

TäterInnen verstecken ihre Übergriffe oft im Spiel, in der Körperpflege oder in körperlichen Untersuchungen. Sie fädeln solche „Spiele” so raffiniert ein, dass das Kind vollkommen verwirrt ist, an der eigenen Wahrnehmung zweifelt und schweigend leidet.

  • Über 50 % der Betroffenen sind unter 6 Jahren.
  • 30 % im Alter von 6 bis 10 Jahren.
  • In 80 % der Fälle sucht das Opfer die Schuld bei sich.
  • 90 % der TäterInnen finden sich im Familienkreis.
  • Nur 10 % sind FremdtäterInnen.

Welche Strategien benutzen TäterInnen?

  • In 40 % der Fälle emotionale Zuneigung
  • Bei 30 % herrscht körperliche Gewalt
  • Bei 10 % der Opfer wird gedroht
  • 5 % werden mit Geschenken und Geld dazu verführt.

Sexueller Missbrauch an Kindern jeden Alters ist weiter verbreitet als man glaubt oder glauben will. Durchschnittlich muss ein betroffenes Kind neun Mal bei Erwachsenen um Hilfe bitten, bevor es Hilfe bekommt.

Eine Präventionsmaßnahme gegen sexuellen Missbrauch ist, den Eltern, LehrerInnen und Kindern Strategien zu vermitteln, die ihnen mehr Sicherheit geben können.

Wir finden, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt. Sexueller Missbrauch ist ein schlechte Geheimnis. Wir wollen mit unserer Aufklärungsarbeit verhindern, dass es für Kinder schlechte Geheimnisse gibt.

Darum dieses Programm!

Mein Körper gehört mir!

Wozu dieses Theater?

Das theaterpädagogische Programm „Mein Körper gehört mir” läuft bereits seit 2001 höchst erfolgreich an den 3. und 4. Klassen der Volksschulen in Österreich. 40 TheaterpädagogInnen, insgesamt 20 Teams immer Frau und Mann, stärken jede Woche hunderte von Kindern!

Angst und Misstrauen sind Vokabeln, die in diesem Theaterprogramm nicht vorkommen. Dagegen werden die Mädchen und Buben der 3. und 4. Klasse Volksschule in ihrer Persönlichkeit gestärkt.

Durch dieses Theaterprogramm lernen die Kinder

  • Mut zu haben
  • ihr Selbstvertrauen zu stärken und somit
  • Situationen besser einzuschätzen
  • ihren Körper als Eigentum, als etwas Wertvolles und Schützenswertes anzusehen
  • „Ja”- und „Nein”-Gefühle auszusprechen
  • eigenen Gefühlen zu trauen
  • was sexuelle Misshandlung durch Fremde und Familienangehörige bedeutet
  • dass es feste Regeln gibt, die sie schützen

 

Vorreiter dieser Art der Prävention gegen sexuellen Missbrauch sind Anna Pallas und Reinhard Gesse, die 1994 in Osnabrück die Theaterpädagogische Werkstatt gründeten. Für die beiden Theaterpädagogen bedeutet Prävention vor allem Selbstbestimmung und Stärkung der Position der Kinder. Mit viel Einfühlungsvermögen werden Probleme und Konflikte theaterpädagogisch dargestellt. Im anschließenden Gespräch mit den Kindern werden gemeinsam Lösungen erarbeitet.

Prävention braucht Engagement – Kinder danken!

  • Leuchtende Augen
  • Lächelnde Gesichter
  • Gestärkte Gefühle
  • Verbessertes Selbstwertgefühl
  • Informierte Lehrer
  • Sichere Eltern

Mein Körper gehört mir!

Entwicklung

Das theaterpädagogische Programm gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Buben „Mein Körper gehört mir” wurde 1994 von Anna Pallas und Reinhard Gesse von der Theaterpädagogischen Werkstatt in Osnabrück in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderschutzbund, der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS), der Niedersächsischen Polizei und weiteren Organisationen entwickelt. Seit 2001 wird „Mein Körper gehört mir“ auch in Österreichischen Volksschulen angeboten.

Eltern/Lehrerabend

Das Programm beginnt grundsätzlich mit dem Eltern- bzw. LehrerInnenabend. An diesem Abend werden den Eltern bzw. LehrerInnen die drei Teile des Programms „Mein Körper gehört mir” vorgeführt. Dies ist deshalb notwendig, um den Eltern – für die Erziehung – und LehrerInnen – für den Unterricht – die umfassende Thematik des sexuellen Missbrauchs näher zu bringen, ihnen zu zeigen, wie kindgerecht dieses Stück aufgebaut ist, sie aufmerksam zu machen, wie wichtig eine präventive (gewaltfreie) Erziehung für die Sicherheit und die Gesundheit ihrer Kinder ist. Im Anschluss an dieses Stück stehen Fachleute, vorwiegend ein(e) PsychotherapeutIn, PsychologIn für Fragen und Diskussion zur Verfügung. Eine Broschüre wird gratis verteilt.

  • Einführung in das Thema „Sexueller Missbrauch”
  • Aufführung der drei Teile des Theaterstückes „Mein Körper gehört mir”
  • Präventionsmöglichkeiten in Schule, Erziehung und Familie
  • Vorstellung von Literatur
  • Diskussion
  • Verteilung der Broschüre „Gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Buben – ein Ratgeber für Mütter, Väter, LehrerInnen und Interessierte”
  • Dauer ca. 2 bis 2 1/2 Stunden

Unsere Botschaften an die LehrerInnen, Eltern und Kinder sind u.a.:

Was sind Ja- und Nein-Gefühle und wie fühlen sich solche Gefühle an; wenn ich ein Nein-Gefühl habe, was kann ich tun; was bedeutet sexueller Missbrauch; wie verhalte ich mich bei einem Exhibitionisten; was bedeutet Chatten und welche Gefahren ergeben sich daraus; wie können mir die drei Fragen beim Einschätzen von unklaren Situationen helfen, was sind gute und schlechte Geheimnisse und warum ist das kein „Petzen“, wenn ich schlechte Geheimnisse Erwachsenen anvertrauen.

Die drei Teile des interaktiven Programms „Mein Körper gehört mir” werden den Kindern der 3. und 4. Klasse Volksschule im Abstand von jeweils einer Woche „gezeigt” und zwar für jede Klasse getrennt. Dazu muss ein eigener Raum zur Verfügung stehen, beispielsweise ein Medien- oder Werkraum, eine Bibliothek, ein Turnraum/Turnsaal, eine leere Klasse, etc.

Im Sinne einer hohen Qualität zu der wir uns bekennen, ist das erforderlich, um den Kindern das Verlassen dieses Raumes, in dem nach der Aufführung viele Emotionen „schwingen“, zu ermöglichen.

Jeder Teil dieses Programms dauert je nach Größe der Klasse bzw. je nach Interaktion, also Mitarbeit der Kinder, bis zu einer Schulstunde. Für dieses mobile Programm sind keine technischen Voraussetzungen notwendig. Das Spielerpaar bringt seine Utensilien selbst mit. Der Aufbau der Bühne dauert etwa 15 Minuten.

Interaktion

Das Spielerpaar, immer Frau und Mann, zeigt Alltagssituationen, die es dann mit den Kindern bespricht. Kinder lernen durch dieses theaterpädagogische Programm ihren Gefühlen zu vertrauen und sich selbst zu schützen.

Das Programm hilft den Kindern zu verstehen

  • dass sie zwischen Ja-Gefühlen und Nein-Gefühlen unterscheiden können
  • dass sie ihren eigenen Gefühlen vertrauen sollen
  • dass ihr Körper ihnen allein gehört
  • dass sie selbst zu Ihrer eigenen Sicherheit beitragen können
  • dass es feste Regeln dafür gibt, sich auch in unsicheren Situationen zu schützen

Thaeterprogramm Teil 1

Kurzbeschreibung

Warming up (mit den Kindern ins Gespräch kommen).
Lied (1. Strophe)
Überleitung Berührungsgesten (Ja-Gefühl / Nein-Gefühl)

Szene 1: Haare kämmen (Ja-Gefühl / Nein-Gefühl)
Szene 2: Spiel im Bus – ein fremder Jugendlicher legt einem Mädchen die Hand auf die Schulter
Szene 3: Nachbar gibt Tennistipps und greift dem Buben dabei auf den Po. Abschluss: Lied

Kinder der 3. und 4. Klasse Volksschule lernen Grundfertigkeiten, um ihr Selbstvertrauen zu stärken und Situationen besser einschätzen zu können. Sie lernen ihren Körper als etwas Wertvolles zu betrachten. Das Begriffspaar „Ja-Gefühl” und „Nein-Gefühl” wird eingeführt und gefestigt.

Bei diesem Teil lernen die Kinder „Nein” zu sagen. Es hilft den Kindern, das nötige Selbstvertrauen zu erlangen und in unterschiedlichen Situationen „Nein” zu sagen. Wenn Kinder sexuell missbraucht worden sind und sich schämen, trauen sie sich oft nicht, mit einem Erwachsenen zu reden. Wir müssen ihnen die Sicherheit geben, dass wir ihnen glauben. Dadurch kann ein großer Teil der Probleme schon gelöst werden. Am Ende des ersten Teiles haben die Kinder gelernt, ihre Gefühle zu erkennen und mitzuteilen. Eltern und Lehrer müssen die Kinder darin unterstützen, das Gelernte anzuwenden.

Wir vermitteln den Kindern die ausdrückliche Erlaubnis, auch über „schlechte Geheimnisse“ zu sprechen; und dass das kein „Petzen“ ist! Das ist gerade bei missbrauchten Kindern wichtig, weil Täter das Kind einschüchtern und für den Fall „dass es mit anderen Menschen darüber redet“ die fürchterlichsten Geschehnisse androht!

Theaterprogramm Teil 2

Kurzbeschreibung
Besprechung des 1. Teiles (mit den Kindern ins Gespräch kommen).
Lied (2. Strophe)

Szene 1: Mädchen trifft mit Ball ein Auto eines Mannes, der sich dann als Exhibitionist zeigt (Schuldfrage, kindgerechte Erklärung des sexuellen Missbrauchs)
Szene 2: Mädchen hat in einem Chatroom einen Buben – so glaubt es zumindest – kennengelernt und trifft sich allein im Park mit ihm (es stellt sich heraus, dass der Bub ein Mann ist) und gerät so durch diesen Mann in Gefahr (Schuldfrage, die drei Fragen für Fremde)
Szene 3: Der neue Nachbar (Wiederholung der drei Fragen für Fremde)
Abschluss: Lied

Die SchauspielerInnen der Theatergruppe spielen – wie auch in Teil 1 – alltägliche Situationen, in denen Kinder entdecken, was unter sexueller Misshandlung durch Fremde zu verstehen ist.

Kurzbeschreibung
Der zweite Teil des Programmes konzentriert sich auf Begegnungen mit Fremden. Die Bedeutung von sexuellem Missbrauch wird in Begriffen dargestellt, die die Kinder verstehen können. Sie lernen, die drei Fragen, die sie sich selbst stellen können, wenn sie auf Fremde treffen:

  • Habe ich ein Ja- oder ein Nein-Gefühl?
  • Wenn ich tue, was die fremde Person will, weiß eine vertraute Person, wo ich bin?
  • Kann ich sicher sein, dass ich Hilfe bekomme, wenn ich welche brauche?

Diese Fragen für Fremde sind deshalb so wichtig, weil sie den Kindern die Möglichkeit geben, unklare Situationen besser einzuschätzen. Nach dem zweiten Teil des Programms verstehen die Kinder den Begriff „sexueller Missbrauch” und können diesen Begriff von anderen falschen Meinungen abgrenzen. Das ist deshalb sehr wichtig, weil der Begriff „Missbrauch“ oder „sexueller Missbrauch“ beinahe täglich in den Medien aufscheint, den Kindern dieser Begriff aber nicht erklärt wird, sodass sie damit auch Verbrechen wie Mord, Entführung usw. verbinden.

Theaterprogramm Teil 3

Kurzbeschreibung

Besprechung des 2. Teiles (vor allem die Schuldfrage wird nochmals besprochen).
Lied (3. Strophe)

Beginn: Beide Spieler spielen zwei missbrauchte Kinder, die von ihren Problemen erzählen.

Monolog – Kurzbeschreibung der Probleme eines Buben der sexuell missbraucht wird.
Szene 1: Kind erzählt der Mutter den Missbrauch – doch die hört nicht zu und hält die Erzählung für eine Einbildung.
Szene 2: Kind erzählt dem Trainer davon, dass der Bruder es nicht in Ruh lässt – der gibt dem Kind nur den Rat, sich auf Fußball zu konzentrieren und dann würde alles wieder gut.
Szene 3: Kind erzählt der Lehrerin den Missbrauch – die hört zu und hilft insofern, als sie dem Kind glaubt und vorschlägt gemeinsam mit Fachleuten darüber zu sprechen.
Abschluss: Lied – alle drei Strophen

Dieser Teil handelt von Missbrauch durch Familienmitglieder oder durch andere vertraute Personen. Ein sexuell misshandeltes Kind muss durchschnittlich neunmal um Hilfe bitten, bis es jemanden gefunden hat, der ihm glaubt und auch hilft. Den SchülerInnen wird erklärt, wie wichtig es ist, weiterhin nach Hilfe zu suchen.

Kurzbeschreibung
Der dritte Teil hat eine noch größere Ernsthaftigkeit und Problemsteigerung, doch die Annäherung an die Kinder bleibt positiv und beruhigend. Ein Kind wird oft bedroht und unter Druck gesetzt, wenn es sexuell missbraucht wird. Alle Verantwortung wird auf das Kind geschoben. Weil es die Familie selbst betrifft, wird dem Kind fast nie geglaubt. Es dauert sehr lange, bis ein Kind sich traut zu reden und bis es Hilfe von einem Erwachsenen bekommt. Am Ende des Programms haben die Kinder gelernt, dass sie das Recht haben, über ihren Körper zu bestimmen, Nein zu sagen und erfahren, wie sie Hilfe suchen können.

Abschluss

Den Kindern wird die Nummer von Rat auf Draht „147“ erklärt und auch mit ihnen darüber diskutiert, mit welchen Problemen sie dort anrufen können. Wenn technisch und organisatorisch möglich, wird auch unter der kostenlosen Rat auf Draht Telefonnummer 147 angerufen, um den Kindern die Scheu zu nehmen anzurufen.